Christian Derix
STREETWISE: MAPPING SPATIAL CONFIGURATIONS AND USER BEHAVIOURS FOR URBAN DESIGN

Während meistens die neuen Technologien zur Visualisierung und Reduzierung des Energieverbrauchs für nachhaltige Entwicklung eingesetzt werden, wird der Frage weniger Aufmerksamkeit gewidmet, wie der Stadtraum zu strukturieren ist im Hinblick auf inhärent nachhaltige Strukturen, die sozial-, kultur- und energiegerechte Nutzung des Stadtraums bedingen. Schwerpunkt der Computational Design Research-Gruppe bei Aedas [CDR] ist die Visualisierung von raumbezogenen Konfigurationen basierend auf den Nutzererfahrungen und Verhaltensweisen, die die räumliche Planung beeinflussen. Diese Präsentation zeigt Projekte, die Diskurse um die Stadtplanung visualisieren, dynamische Raumnutzung kartieren und Prozesse der Stadtgestaltung simulieren.

Christan Derix, Director of Computational Design and Research
Aedas|R&D
Im Jahr 2004 gründete Christian Derix die Research & Development-Gruppe bei Aedas Architects und leitet heute die Computational Design Research-Gruppe [CDR]. Die Gruppe entwickelte rechnerbasierte Entwurfsanwendungen für generative und analytische Entwurfsprozesse in Architektur und Stadtplanung mit Betonung auf räumlicher Gestaltung und menschlicher Nutzung. Die Arbeit der CDR wurde unlängst bei verschiedenen Design-Auszeichnungen in die engere Auswahl gezogen und erreichte sowohl eine Erwähnung bei dem Compasso d’Oro Preis in Italien als auch die Auszeichnung der President’s Medal for Practice Research des Royal Institute of British Architects [RIBA]. Christian Derix unterrichtet seit 2001 Informatik & Design an verschiedenen Universitäten in Großbritannien und Europa und ist zurzeit Gastprofessor für Emergent Technologies an der Technischen Universität München.

Michal Migurski
MAKING IT PUBLIC. VISUALIZING URBAN DATA.

Michal Migurski geht der Frage der Aufrechterhaltung von Strömungen „von unten“ nach und erforscht die Aufgaben und Akteure, die durch ihre kontinuierliche Teilnahme diesen Prozess unterstützen. Mit großem Abstand betrachtet, sieht es aus, als ob unsere Arbeit als Datenvisualisierer mit einer sanften Strömung städtischer Information schwimmt. Aus der Nähe betrachtet, besteht diese Strömung allerdings aus tausenden Momenten und Entscheidungen, die sie im Fluss halten. Wir benennen diese Systeme und nehmen teil an der Unterstützung neuer Systeme als Zeichen unserer Dankbarkeit für ihren Beitrag zu einer sanften Erfahrung.

Als Partner von Stamen ist Michal Migurski federführend für Technik und Forschung bei Stamen zuständig; er nimmt aktiv an Stamens Designprozess (Datendesign, Prototyping-Anwendungen) teil und ist aber auch in die Entwicklung dynamischer Projekte für Stamens Kunden eingebunden. Michal Migurski hat bereits seit 1995 im Netz “mitgebaut”. Sein Spezialgebiet sind große, spannende Datensätze und die Entwicklung von Methoden zu deren Kommunikation und Verbreitung an eine große Gruppe von Empfängern, für die er von zahlreiche Kunden beauftragt wurde. Über diese und andere Themenbereiche hält er Vorträge sowohl in akademischen Kreisen als auch vor Vertretern der Industrie; aktiv nimmt er an zahlreichen Open-Source Entwicklungsinitiativen teil, pflegt einen aktiven Weblog und hat einen Universitätsabschluss im Bereich Kognitive Wissenschaften der Universität Berkeley, Kalifornien.

Till Nagel
MAPPING THE URBAN NOW.

In den letzten Jahren sind immer mehr Daten von Städten digital gesammelt worden. Diese Daten, die von Handys, Sensoren und Ortungsdiensten stammen, können zur Darstellung von urbaner Aktivität visualisiert werden. Geovisualisierung ermöglicht die visuelle Analyse von räumlichen Mustern, Beziehungen und Trends, um Informationen von „location based services“ interaktiv zu untersuchen und zu verstehen. Mit leicht verständlichen, intuitiven Visualisierungen können große Datenströme Laien und Experten zugleich begreiflich gemacht werden; somit sehen sie die Stadt in unterschiedlichen Perspektiven und können ihre Umwelt besser verstehen. In meinem Vortrag werde ich über die Herausforderungen der Visualisierung von urbanen Datenströmen im Hinblick auf Nutzererfahrung und interaktives Design sprechen und einige Projekte vorstellen, in denen aktuelle Herangehensweisen und neue Denkansätze zu urbanen Daten gezeigt werden.

Till Nagel Till Nagel ist Forschungsmitarbeiter am Interaction Design Lab Dozent für Advanced Media an der Fachhochschule Potsdam. Er ist ebenfalls ein Forschungsmitglied des MIT Senseable City Lab und promoviert zurzeit am Fachbereich Computerwissenschaften der Universität Leuven (KUL). Geovisualisierung, Informationsvisualisierung und anfassbare Benuterschnittstellen stehen im Mittelpunkt seines Forschungsinteresses. Till Nagel absolvierte 2002 sein Diplom im Studiengang Medieninformatik an der Fachhochschule Wedel. Ab 2001 arbeitete er bei verschiedenen Medienagenturen und Softwarefirmen als Softwareingenieur und IT-Berater für internationale Kunden. Ab 2006 gab er Seminare zu Creative Coding, Informationsvisualisierung und Multi-Touch-Schnittstellen an der Berliner Technischen Kunstschule (BTK), der Fachhochschule Potsdam (FHP) und der Universität Iuav Venedig (IUAV). 2011 besuchte er das MIT Senseable City Lab und arbeitete in der „Future Urban Mobility“-Gruppe in Singapur. Links http://tillnagel.com, http://twitter.com/tillnm

Jason Dykes
GO WITH THE FLOW OR MAP TO KNOW? – EINIGE GEDANKEN UND IDEEN ZU FLOW MAP DESIGN

In diesem Beitrag sollen Gestaltungskonflikte aufgezeigt werden, die beim Mapping von Strömen auftreten. Dazu werden unterschiedliche Lösungsmöglichkeiten betrachtet und potenzielle Gestaltungsvarianten bewertet.
Hierbei soll schwerpunktmäßig auf einige kürzlich am giCentre durchgeführte Arbeiten eingegangen werden, bei denen Visualisierungsmethoden angewandt wurden um Fahrräder, Menschen und Sichtachsen darzustellen.

Prof. Jason Dykes arbeitet im Bereich Visualiserung des giCentre an der „City University London“ und bedient sich Methoden der Kartographie, Informationsvisualisierung, Mensch-Maschine-Interaktion, Informatik und „GIScience“, um neue Karten zu entwickeln, mit denen aus Daten Erkenntnisse generiert und Trends kommuniziert werden können. Er und seine Kollegen vom giCentre haben diese Arbeit mit nicht unerheblichem Erfolg auf einige andere Disziplinen und Anwendungsbereiche übertragen. Sie haben unter anderem den GISRUK-Preis für ihre Beiträge vier Jahre in Folge gewonnen, und von den acht am „IEEE Information Visualization“ vorgestellten Beiträgen der letzten fünf Jahre sind zwei ausgezeichnet worden und drei haben Preise im Rahmen des „IEEE VAST Challenge“ gewonnen. Zu den jüngsten Arbeiten des giCentre gehören: Methoden wie räumlich angeordnete Tree Maps, ODmaps, HiVE und BallotMaps; Anwendungen wie OACExplorer und HiDE; Online-Visualisierungstools wie BikeGrid (Mietfahrradstationen) und PlaceSurvey sowie Code-Bibliotheken wie das giCentreUtils-Paket. Jason ist im Vorstand der “ICA Commission on GeoVisualization”, war verantwortlich für die Redaktion des Buches “Exploring GeoVisualization” und hat an zahlreichen Publikationen aus dem Fachgebiet mitgewirkt. Jason ist Lehrbeauftragter an der „HE Academy“ in Großbritannien, Mitglied des InfoVis-Organisationsgremiums und verantwortlich für die wissenschaftlichen Beiträge im Rahmen seiner Vorstandstätigkeit bei InfoVis 2012. Link http://gicentre.org.

Jutta M. Bott
LUST UND FRUST VON VERANTWORTUNG UND KONTINUITÄT – ODER WIE MODERN IST DER MENSCH IN SELBST GEWÄHLTEN GEMEINSCHAFTEN?

In einer digital bestimmten Welt erwarten wir schnelle, jederzeit abrufbare Informationen, Verabredungsmöglichkeiten und ein hohes Maß an Flexibilität auch im Kontakt mit anderen Menschen. Wie ist das aber mit der „Schnelllebigkeit“, wenn Menschen zu versorgen sind, Verantwortung übernommen werden muss, Kontinuität gefragt ist? Kinder, kranke und ältere Menschen, einfach Personen, die mehr Fürsorge und Betreuung bedürfen, können oder sollten meist nicht unentwegt allein sein. Oft brauchen sie Hilfe in alltäglichen Dingen. Aber auch die Teilhabe an den Geschehnissen im Quartier, der Nachbarschaft und der Stadt, bedarf meistens der Präsenz von Menschen. Helfen uns da die digitalen Möglichkeiten, entheben sie uns des verlässlichen Präsentseins oder gerät die „Betreuungsaufgabe“ zu „Netzwerken des Wechsels, des immer Neuen“, weil immer andere Personen die Aufgaben erfüllen? Wie sehr sind wir bereit oder auch in der Lage unser schnelles Leben, unsere rasanten Wechsel und die vielen Möglichkeiten des Arbeitens und Erlebens hintenan zu stellen, wenn Kontinuität von Personen gefragt ist: Wer soll sie erbringen, wen wollen wir bezahlen, was wollen wir selbst leisten? Es geht nicht um endgültige Antworten, moralische Appelle, normative Setzungen für den Lebensraum Stadt, eher sind es Reflexionen über Lebensstile und Zeiten, die der langen Augenblicke, der Verlässlichkeit des Vertrauens und der Verantwortungsübernahme bedürfen.
Jutta M. Bott ist Professorin für Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit und ihrer Handlungskonzepte an der FH Potsdam, Fachbereich Sozialwesen seit September 2004. Dipl. Psychologin, Sozialpädagogin (grad.), Psychologische Psychotherapeutin (approb.), Supervisorin (DVT); langjährige Arbeit im psychiatrischen Bereich. Praxis- und Lehrbereiche: Psychiatrie, Arbeit mit älteren Menschen und verschiedenen Generationen, Arbeit im Gemeinwesen und Sozialraum. Mitglied des interdisziplinären Innovationskollegs der Fachhochschule Potsdam “Stadtklima Potsdam” seit April 2010. Mai 2009 – April 2012 Projektleitung des SILQUA Projektes des BMBF (Soziale Innovationen für Lebensqualität im Alter) “Gut leben im (HOHEN) Alter” – Konzepte sozialraumorientierter Unterstützung von Selbstsorge, Selbstorganisation und Vernetzung im demographischen Wandel.

Peter Conradie
TRUST THY NEIGHBOUR: USING ICT TO FACILITATE TRUST GENERATION IN URBAN NEIGHBOURHOODS.

Mit der zunehmenden Siedlungsdichte und Anonymisierung in den Städten haben sich neue Methoden der Interaktion zwischen Nachbarn entwickelt. IKT kann beim Aufbau sozialer Bindungen und neuer Formen der Zusammenarbeit eine wichtige Rolle spielen. Diese technischen Innovationen setzen jedoch die Bildung von Vertrauen voraus, um Kooperationen erst möglich zu machen. Zu diesem Zweck wurden Modelle zur Vertrauensbildung in der Informatik und den Sozialwissenschaften untersucht. Im Ergebnis wurde ein neues, auf die Nachbarschaft fokussiertes Modell eingeführt, das unterschiedliche Wege der Verhaltensänderung, aber auch Vertrauensformen aufzeigt, die geeignet sind mit Hilfe von IKT in einer nachbarschaftlichen Umgebung ein Klima des Vertrauens und der Unterstützung zu schaffen.
Peter Conradie arbeitet bei Creating 010, einem neu gegründeten Forschungsinstitut an der Fachhochschule Rotterdam. Wie Technologien im Leben von Menschen sinnvoll eingesetzt und wie Menschen dabei zusammen Produkte und Dienstleistungen entwickeln können, ist das Forschungsziel des Instituts. Zur Zeit untersucht Peter Conradie die Frage, welche Rolle Informationen von öffentlichen Institutionen im städtischen Kontext spielen können. Neben seiner Forschungsarbeit ist er als Dozent für Designforschung tätig.

 

Fabian Kessl
VON WEGEN RAUM DER FREIHEIT: NACH DEM PROJEKT IST VOR DEM PROJEKT! ZUR PROGRAMMPOLITISCHEN DYNAMIK SOZIALRÄUMLICHER FÖRDERUNG.

Die Netzwerkgesellschaft, von der Manuell Castells spricht, findet sich – zumindest semantisch – inzwischen auch auf lokaler Ebene als Ideal der aktuellen kommunalen Sozialpolitik und Stadtentwicklung: Die Aktivierung nachbarschaftlicher und stadtteilbasierter Netzwerke sind das Ziel vieler sozialräumlicher Programme. Allerdings unterliegt vielen dieser Programme das Problem, dass die damit verbundenen Aktivitäten nurmehr in Projektform realisiert werden (können). In dem Beitrag wird diese programmpolitische Dynamik sozialräumlicher Förderung am Beispiel der bundesdeutschen Entwicklung problematisiert.

Fabian KesselFabian Kessl ist Professor für Theorie und Methoden der Sozialen Arbeit am Institut für Soziale Arbeit und Sozialpolitik, Fakultät für Bildungswissenschaften, Universität Duisburg-Essen. Sein grundsätzliches Interesse gilt dem derzeitigen Wandel in den wohlfahrtsstaatlichen und quasi-wohlfahrtsstaatlichen Abmachungen seit den 1970er Jahren. Insbesondere beschäftigt sich Fabian Kessl mit “New Forms of Governance (Neuen Formen der Governance)”, “Governmentality of Social Work (Gouvernementalität Soziale Arbeit)”, “Spatial Formation-Shifts of Social Policy (Entwicklung der räumlichen Zusammensetzung in der Sozialpolitik)”, sowie “Neo-Social Patterns of Life Conduct (Neosozialen Mustern in der Lebensführung). Diese Arbeiten wurde in zahlreichen deutschsprachigen Büchern und Herausgeberwerken veröffentlicht. Zu seinen jüngsten Publikationen gehören: De- and Reterritorialization of the Social (Sonderausgabe für Social Work & Society, gemeinsame Herausgegeberschaft mit John Clarke, 2008/i. E.); Europäisches Handbuch für Sozialarbeit (gemeinsame Herausgegeberschaft mit Walter Lorenz, Hans-Uwe Otto, i.E. 2009); Territorialisierung des Sozialen (gemeinsame Herausgegeberschaft mit Hans-Uwe Otto, 2007). Professor Kessl ist Redationsmitglied bei zwei führenden deutschen Zeitschriften für Sozialarbeit und Sozialpolitik („Neue Praxis“ und „Widersprüche“) und Mitglied des Koordinationsbüros „Social Work & Society – Online-Journal for Social Work and Social Policy” (www.socwork.net). Seit März 2008 ist Fabian Kessl Mitglied des Vorstands der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaften (DGfE), Kommission „Sozialpädagogik“. Davor war Fabian Kessl wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Fakultät für Erziehungswissenschaften an der Universität Bielefeld. Er studierte Erziehungswissenschaft und politische Wissenschaften an der Universität Heidelberg und promovierte an der Universität Bielefeld. 2007 erhielt er eine Einladung als Gastwissenschaftler vom “College of Education” der Universität Illinois, Urbana-Champaign. Links http://www.uni-due.de/biwi/kessl, http://www.solidarische-moderne.de/, www.socwork.net

Birgit Schönberger
KOMMENTAR: WIE SICH DIE LEBENSWEISEN UND DIE BETEILIGUNG AN ÖFFENTLICHEN ANGELEGENHEITEN VERÄNDERT

Birgit Schönberger
Birgit Schönberger Politikwissenschaftlerin und Romanistin M. A., ist freie Journalistin und Coach in eigener Praxis in Berlin. Sie arbeitet als Feature-Autorin und Kommentatorin für den ARD-Hörfunk und schreibt zu ihren Schwerpunktthemen Psychologie, Persönlichkeitsentwicklung, Lebensphilosophie für große Zeitschriften. Link http://www.birgit-schoenberger.de/

Knud Schulz
THE LIBRARY AS UNITING FACTOR IN A SOCIETY OF CHANGE.

Die moderne Bibliothek hat sich entwickelt von einer reinen Buch-Ablage hin zu einem Ort, der die Bedürfnisse der Bürger widerspiegelt und unterstützt. An diesem Ort kann Stadt-Geschichte um neue Erzählstränge erweitert werden, in denen es um die Bildung von „Communities“ und das Teilen von Wissen geht. Der Raum „Bibliothek“ stellt einen innovativen Schmelztiegel dar, wo Menschen und Ideen aufeinander treffen. Die Bibliothek ermöglicht den Bürgern, sich mit seinen Mitmenschen, der Gesellschaft und der ganzen Welt zu identifizieren.

Knud Schulz ist seit 1987 Leiter der Hauptbibliothek in Aarhus. Er ist gelernter Bibliothekar und hat 2003 einen Master in Public Management (MPM) erworben. In den letzten Jahren hat sich die Stadtbibliothek Aarhus auf die Umstellung von bibliothekarischen Routineaufgaben konzentriert, so dass diese von Bibliotheksangestellten durchgeführten Funktionen zunehmend von Nutzern selbst ausgeführt werden können. Die Entwicklungsstrategie der Bibliothek bezüglichPersonal-Kompetenzen fördert Nutzerprozesse, um dabei lebenslanges und erfahrungsbasiertes Lernen durch die Entwicklung einer interaktiven Bibliothek zu fördern. Zurzeit wird am Umbau der Stadtbibliothek Aarhus gearbeitet; das alte aus dem Jahr 1934 stammende Bibliotheksgebäude wird bis Ende 2014 in ein „Urban Mediaspace“ umgewandelt. Schulz ist Networks Chairman für Litteratursiden.dk, Mitglied des Bibliotheksberatungsausschusses bei der Danish Agency for Libraries und Gremiumsmitglied bei „Mediehus Aarhus“
 Halmstadgruppen – Nordic Conference Group, Idea house of the Urban Mediaspace, Masterclass in library building.

Hans-Christoph Hobohm
DIE REGION BERLIN-POTSDAM ALS “INFORMATIONELLE STADT”

Der Vortrag untersucht, inwieweit die Region Berlin-Potsdam als “informationelle Stadt” anzusehen ist. Hierzu werden die Städte Singapur und Melbourne als Vergleichsfolie genutzt und die klassischen Indikatoren dazu dargestellt. Das Konzept der informationellen Städte lässt sich hinsichtlich seiner politischen und wirtschaftlichen Umsetzung innerhalb der Hauptstadtregion nur bedingt verorten, obwohl die Region zu den Big Cities zu zählen ist. Neben der von Castells postulierten Jobpolarisierung und klassischer Cyberinfrastructure sind Wissens- und Wissenschaftstransfer, Mobilität oder die Umsetzung von E-Government wichtige Untersuchungspunkte, um den Grad der Informationalität Berlin-Potsdams zu bestimmen. Schwerpunkte für einen weiterführende Charakterisierung der deutschen Hauptstadtregion vor dem Hintergrund der digitalen Entwicklung bilden dabei u.a. neben Castells “informational cities” besonders auch die Konzepte der “creative industries”, Friedmanns “7 Thesen zur Weltstadt” sowie die Arbeiten von Sassen bzw. Wolfgang Stock et al. (2011). Für den Erfolg einer informationellen Stadt ist der politische Wille eine Grundbedingung. Der Vortrag gibt einen Einblick, inwieweit die politische Führung Berlins bzw. Potsdams dies bereits erkannt hat und vergleicht empirische Indikatoren zur Entwicklung der informationellen Region. Überdies werden Handlungsempfehlungen aufgeführt und Barrieren identifiziert, die den Ausbau der Informationalität Berlin-Potsdams behindern. Teile des Vortrags werden während der Tagung auf einem Touch-Display im Foyer vorgestellt.

Hans-Christoph Hobohm, seit 1995 Professor für Bibliothekswissenschaft an der Fachhochschule Potsdam. Leiter des Masterstudiengangs Informationswissenschaften. Langjähriges Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der IFLA (Int. Fed. of Library Ass. and Institutions). Lehr- und Forschungsgebiete: Wissensmanagement, Informationsverhaltensforschung, Innovations- und Kreativitätsforschung. Veröffentlichungen zu Strategischem Informationsmarketing, Knowledge & Projektmanagement, Forschungsdatenmanagement und Bibliothekswissenschaft. Der Vortrag und die dazu gehörige Touch-Display Päsentation wurde zusammen mit einer Gruppe von Masterstudierenden der FH Potsdam entwickelt.

Erik Boekesteijn
KOMMENTAR: WIE SICH DIE STÄDTISCHEN EINRICHTUNGEN UND DEREN FUNKTIONEN ÄNDERN

Erik Boekesteijn arbeitet in der Wissenschafts- und Innovationsabteilung von DOK, der öffentlichen Bibliothek Delft, Niederlande. Sein Aufgabenbereich umfasst Projektmanagement, Einkauf, Marketing, Promotion und Innovation. Er arbeitet mit Jaap van der Geer zusammen an vielen DOK Studio-Produktionen. Als Team werden beide von anderen Bibliotheken oft als Berater herangezogen.Erik ist ein Mitbegründer des UGame ULearn Projekts. Er hat einen Abschluss in Englisch mit einer Spezialisierung als Dolmetscher. Erik hat Artikel für internationale Zeitschriften wie Computers in Libraries, Marketing Library Services und Library Journal geschrieben.

Nathalie Vallet
INFORMATIONAL CITIES AND CITY INNOVATION: (RE)DEFINING THE STRATEGIC FOOTPRINT OF PUBLIC LIBRARIES.

Auf der Basis explorativer Fallstudien wird die sich verändernde strategische Rolle von neun, in urbanen Netzwerken eingebetteten öffentlichen Bibliotheken, deren Ziel die Unterstützung flämischer und niederländischer Städte in ihrer zukünftigen Entwicklung und Innovationsfähigkeit ist, beschrieben und klassifiziert. Obgleich die Theorie der „City of Flows” von Manuel Castells zunächst nicht als zentraler Bezugsrahmen genutzt wurde, konnte sie ex post herangezogen werden zur induktiven Einbettung der Forschungsergebnisse in einen geeigneten theoretischen Rahmen. Anhand der erhobenen Daten lässt sich erkennen, dass eine generische strategische Rolle sowie weitere drei, eher spezifische strategische Rollen existieren – bzw. im Entstehen sind in der Funktion als städtischer Orientierungspunkt, regionaler Botschafter und zielgruppenspezifischer Förderer. Jede dieser strategischen Rollen hat ganz spezifische Auswirkungen auf die inhaltliche und prozessuale Ausrichtung der öffentlichen Bibliotheken. In dem Vortrag sollen diese spezifischen, bibliothekspolitischen Themenbereiche bestimmt, beschrieben und dargestellt werden.

Nathalie Vallet studierte Applied Economics an der Universität Antwerpen (1985-1989) und promovierte an der Universität Nijenrode in den Niederlanden (2001). Sie unterrichtet zurzeit Management, Organisationsmanagement und Strategisches Management im Rahmen von Bachelor- , Master- und postgradualen Studiengängen an der Universität Antwerpen. Ihr Forschungsschwerpunkt ist strategisches Management und Strategieumsetzung im öffentlichen Sektor. In diesem Zusammenhang hat sie in den letzten 13 Jahren mehrere Forschungsprojekte für verschiedene öffentliche und „Social Profit“- Organisationen durchgeführt, u. a. für städtische und regionale Behörden, Hochschulen, Polizeiverbände, Justizvollzugsanstalten, Sozialverbände und öffentliche Bibliotheken. Qualitative Forschungsmethoden (Grounded Theory) bilden einen weiteren Schwerpunkt ihrer Arbeit. Weitere Informationen entnehmen Sie der Webseite der Universität Antwerpen:http://www.ua.ac.be/main.aspx?c=nathalie.vallet

Saskia Sassen
THE GLOBAL STREET VS. THE PIAZZA.

Durch Erweiterung des vorhandenen konzeptionellen Rahmens soll in dem Vortrag das Verständnis für die komplexen Zusammenhänge zwischen Macht und Machtlosigkeit und deren Bestimmung im urbanen Raum thematisiert werden.
Mein Standpunkt ist, dass die Stadt die Grenzen der militärischen Macht sichtbar werden lässt und, was noch
wichtiger ist, der Machtlosigkeit eine Komplexität verleiht, nicht mehr nur elementar erscheinen lässt. Diese Komplexität birgt die Chance, Geschichte zu schreiben und Politik zu erneuern. Hierbei spielt der öffentliche Raum eine zentrale Rolle, da er den Machtlosen Zugang zu rhetorischen und handlungsorientieren Möglichkeiten verschafft. Allerdings ist es notwendig, diesen von dem traditionellen europäischen Raum zu unterscheiden, der durch ritualisiertes Verhalten und soziale Normen geprägt ist. Dies führt mich zum Konzept der globalen Straße, d.h. zu einem Raum, in dem es um individuelles, selbstbestimmtes Handeln statt ritualisiertem Verhalten geht; wo Menschen, die keinen Zugang zu den formellen Instrumenten der Macht haben, sich dennoch Einfluss, vor allem im politischen Sinne, verschaffen können.

Saskia Sassen ist Professorin für Soziologie (Robert S. Lynd-Lehrstuhl ) und Vorstandsmitglied des Committee on Global Thought an der Columbia Universität (www.saskiasassen.com). Zu ihren neuesten Veröffentlichungen gehören: Territory, Authority, Rights: From Medieval to Global Assemblages (Princeton University Press 2008), A Sociology of Globalization (W.W.Norton 2007), und die überarbeitete 4. Ausgabe von Cities in a World Economy (Sage 2011). Eine komplett überarbeitete Fassung von The Global City wurde 2001 veröffentlicht. Sassens Bücher sind in über zwanzig Sprachen übersetzt worden. Zurzeit arbeitet sie an dem Buch: When Territory Exits Existing Frameworks (unter Vertrag bei Harvard University Press). Zudem werden Ihre Beiträge regelmäßig bei www.OpenDemocracy.net und www.HuffingtonPost.com veröffentlicht.

Michael Daxner
KOMMENTAR: WIE SICH DIE GESTALTUNG DER ÖFFENTLICHEN ANGELEGENHEITEN VERÄNDERT

Michael Daxner (Prof. Dr. Dr.h.c.) hatte in seiner Laufbahn vielfältige und politikberatende Positionen inne. Nach dem Studium der Anglistik, Pädagogik, Philosophie, Sozialwissenschaften und Geschichte in Wien und Freiburg, schrieb er als Referent im österreichischen Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung 1972 seine Dissertation über Ernst Bloch. 1974 wurde er zum Professor für Hochschuldidaktik an der Universität Osnabrück ernannt.Von 1986 bis 1998 leitete er die Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg und hielt im Anschluss bis zu seiner Emeritierung im März 2011 die Professur für Soziologie und Jüdische Studien. Daxners Schwerpunkte liegen im Bereich der Bildungspolitik, Konfliktforschung und Interventionsanalyse. So war er beispielsweise von 2000-2002 bei der UNMIK (United Nations Mission in Kosovo) als Principal International Officer im Kosovo für Bildung und Wissenschaft tätig, anschließend arbeitete er als Berater im UNMIK Office Belgrad und als Berater des österreichischen Wissenschaftsministeriums auf dem Gebiet der Förderung von Wissenschaft und Bildung in Südosteuropa. Seitdem engagierte er sich auch im Auftrag des Auswärtigen Amtes für den Wiederaufbau des Hochschulwesens in Afghanistan. Als Gastwissenschaftler an der FU Berlin forscht er seit 2008 im Sonderforschungsbereich 700 „Governance in Räumen begrenzter Staatlichkeit: Neue Formen des Regierens?“. Seit 2010 wirkt er zudem als Senior Fellow bei der Berghof Foundation mit. Michael Daxner ist Autor zahlreicher Bücher und wissenschaftlicher Aufsätze. Neben Veröffentlichungen zur Interventionskultur in Afghanistan und auf dem Balkan, umfasst seine Bibliographie Schriften zur Europäischen Hochschul- und Forschungspolitik sowie zur Rolle der Universitäten in der Wissensgesellschaft.

Tina Piazzi // Stefan M. Seydel
DIE FORM DER UNRUHE. DAS INTERNET ALS STADT.

… stellen sich das Internet als einen Möglichkeitsaum vor, in welchem es nichts zu verstehen und nichts zu zeigen gibt.

 

Tina Piazzi

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Tina Piazzi, Dipl. Pflegefachfrau HF, Dipl. Sozialarbeiterin FH, Rechtsagentenausbildung ZbW, Master of Science Supervision und
 Coaching Universität Wien. Schwerpunkte der Lehre als Dozentin und Professorin für Soziale Arbeit an der FHS St. Gallen (1997-2007): Soziale Sicherheit, Europa und Euregio Bodensee, Hilfsprozessplanung/Case Management, Ressourcenerschliessung, Praxisausbildung. 2007-2010 engagierte sie sich für rebell.tv AG als Geschäftsleiterin und zeichnete dort verantwortlich für die Konzeption und Realisation die Trilogie: “Die Form der Unruhe”. Sie ist seit mehreren Jahren als Coach & Supervisorin tätig (Mitglied BSO) und arbeitet dabei gerne mit Visualisierungen durch Aufstellungen relationaler Ordnungen. Heute arbeitet sie Teilzeit als Stv. Internatsleitung und Präfektin im benediktinischen Gymnasium Kloster Disentis/Mustér. Links http://rebell.tv/, http://dfdu.org/

 

Stefan M.Seydel, Dipl. Hochbauzeichner, Dipl. Sozialarbeiter FH und MA Sozialarbeiter (ZPSA Berlin). Er realisiert seit 1990 Gemeinwesen bezogene und sozialräumliche Pilot- und Impulsprojekte. 1997 Spin-off in intervention gmbh. Seydel bloggt seit 1995 täglich und wurde in der Szene mit seinen Initialen «sms» bekannt, gründete rebell.tv und wurde erster Field Correspondent ausserhalb der USA von http://rocketboom.com und damit Teil bei der Nominierung Webby Award 2006. Seydel ist publizistisch und kulturell breit engagiert, war Mitglied Präsidium des Internationalen Bodensee Clubs (Leitung Fachgruppe Wissenschaft), Mitglied der Jury “Next Idea” ars electronica 2010, seit 11/2011 Vice-Präsident im P.E.N.-Club Liechtenstein etc.). Er unterrichtete viele Jahren in Themenfeldern wie Projekt- und Qualitätsmanagement sowie Management sozialer Prozesse (FHS St. Gallen), später in unterschiedlichsten Kontexten “Umgang mit Information auf der Höhe der Zeit” (z.B.: Zeppelin Universität Friedrichshafen, FH St. Pölten). Er war Prüfungsexperte für Mediamatik (Kanton Thurgau) und Sozialpädagogik (BFF). Seydel arbeitet heute als Internatsleiter und Mitglied der Schulleitung im benediktinischen Gymnasium Kloster Disentis/Mustér. Links http://dfdu.org, http://twitter.com/sms2sms, http://blog.rebell.tv, http://about.me/sms2sms

Hermann Voesgen
RITUALE DER BETEILIGUNG – DIE LUST AM AUSBRUCH. KANN PARTIZIPATION SMART SEIN?

Die smarten Technologien verändern nicht nur die Infrastruktur der Städte, sondern auch die Lebensweisen. In der Moderne prägte die „autogerechte Stadt“ das Verhältnis von öffentlichen und privaten Räumen, die Verbindungen bzw. Trennungen von Funktionen, das Tempo, die Stadtwahrnehmungen und Beteiligung am Stadtleben. Die digitale Stadt wird ähnlich tiefgreifend das Stadtleben verändern und neue Anforderung der Anpassung, Beteiligung und Gestaltung stellen. Die Partizipation der Bürger, ihre Akzeptanz und Mitwirkung ist für den Umbau der Städte notwendig. Smarte Städte brauchen auch smarte Bürger.

In dem Vortrag werden drei aktuelle Tendenzen der Bürgerbeteiligung untersucht und und Bezug gesetzt zu Konzepten einer smarten Stadt:

Die Beteiligung der Bürger an den kommunalen Entscheidungen wird immer mehr zu einem festen Bestandteil kommunaler Entscheidungsprozesse. Mit methodisch komplexen und zeitlich aufwendigen Beteiligungsverfahren wird versucht, emotional aufgeladene Konflikte zu versachlichen. Die Verantwortung für Entscheidungen wird von den gewählten Repräsentanten und der Verwaltung auf Partizipationsformate verlagert: Bürgerforen, Werkstätten, Arbeitsgruppen mit professionellen und Laienexperten, Bürgerbefragungen. Bürger werden in komplexe Abwägungsprozesse integriert.

Die Beteiligung wird zu einem Instrument der Kommunalpolitik, dass systematisch und möglichst schon prophylaktisch eingesetzt wird, um die Chancen für Kompromisse zu verbessern.

Daneben gibt es die ungeplanten Bürgerproteste, die sich der Systematik und Rationalität von Planungsprozessen entziehen. Oft entsteht der Widerstand erst nach Abschluss von Entscheidungsverfahren, wenn die formell vorgesehene Bürgerbeteiligung bereits abgeschlossen ist. Die protestierenden, wütenden Bürger halten sich also nicht an die Rationalität von Beteiligungsverfahren. Die Ausbrüche sind unsystematisch und unberechenbar, in Bezug auf die Zeitpunkte, Themen, so wie die Anlässe. Proteste können sich an vermeintlich nichtigen Anlässen entzünden. Die Dynamik solcher Proteste ist schwer vorhersehbar. Es kann gelingen, sie nachträglich in formelle Beteiligungsverfahren einzubinden, bzw. an die Situation angepasste Verfahren zu „erfinden“. Zunächst begrenzte Belange von Bürgergruppen können sich aber auch zu grundsätzlichen Fragen unseres Zusammenlebens entwickeln, für die es keine naheliegenden Kompromisslinien gibt.

Die dritte Tendenz der Beteiligung sind Verantwortungsgemeinschaften. Sie verbinden den Wunsch der Veränderungen konkreter Lebensbedingungen, mit der Lust der Lebensgestaltung, über die bisherigen Routinen und Regeln hinaus. Es sind grundsätzliche Themen die sich gut lokal verorten und behandeln lassen. Ausgangspunkt sind lebensweltliche Defizite, die man mit Gleichgesinnten in konkreten Projekten angeht, um die eigenen Lebensbedingungen zu gestalten.Themen können z. B. Kinderbetreuung, gemeinsamem Gestaltung und Nutzung von öffentlichen Räumen, Tauschzirkel und gegenseitige Hilfen, Mobilitätsverhalten oder Gemeinschaftsgärten sein. Vielfach sind die lokalen Initiativen national und international gut vernetzt

Hermann VoesgenHermann Voesgen (Jg. 1951) arbeitete nach dem Studium in Göttingen und Oldenburg, mit dem Abschluss als Dipl. Sozialwissenschaftler, in mehreren Forschungsprojekten an der Universität Oldenburg. 1986 promovierte er mit einer Arbeit über die Geschichte der Bedürfnistheorien. Zwischen 1989 und 1993 leitete er ein Modellprojekt zu neuen Wegen in der ländlichen Kulturarbeit in der Region Ostfriesland.Im Studiengang Kulturarbeit an der Fachhochschule Potsdam ist Herman Voesgen seit 1995 Professor für Theorie und Praxis der Projektarbeit, letztere in Kooperation mit renommierten nationalen und internationalen Kulturträgern. Von 2001 bis 2010 war er Leiter des Studiengangs Kulturarbeit und Prodekan des Fachbereichs Architektur und Städtebau. Von Juni 2005 bis Juni 2007 übernahm Hermann Voesgen die Präsidentschaft des European Network of Cultural Administration Training Centres (ENCATC). In diesem Zusammenhang organisierte er Diskurse zur Entwicklung internationaler Studiengänge im Rahmen des Bologna Prozesses. In der Forschung konzentriert sich Hermann Voesgen zurzeit auf die Konsequenzen des Klimawandels für die Kultur. Weitere Schwerpunkte sind Rollenkonzepte von Kulturmanagern und hybride Prozesse zwischen Kunst und Management. Dazu bereitet er mit dem Studiengang Kulturarbeit die Jahrestagung 2013 des Fachverbandes Kulturmanagement vor. Links www.fh-potsdam.de, www.kulturarbeit.org

Hanne Seitz
KOMMENTAR: WIE SOZIALE SKULPTUREN DIE STÄDTE VERÄNDERN

“AM I REALLY HERE OR IS IT ONLY ART?” (LAURIE ANDERSON).

Künstlerinnen und Künstler treiben derzeit entweder die digitale Revolution voran oder suchen der analogen Welt – und dies vor allem – noch den letzten Rest an Wirklichkeit zu entreißen. Dabei haben sie die symbolische Ebene längst verlassen: Anstelle theatraler, bildnerischer, skulpturaler oder installativer Werkkomplexe wird die soziale Praxis selbst zum Handlungsfeld der Kunst erklärt.

Wo die „soziale Skulptur“ eines Beuys noch auf das Zusammenspiel gesellschaftspolitischer Kräfte und sein erweiterter Kunstbegriff auf die Versöhnung von Natur und Kultur setzen konnte, blicken Künstlerinnen und Künstler heutzutage auf verflüssigte Ordnungen, wachsenden ökonomischen Druck, zunehmende soziale Ungleichheit und die rasante Verknappung lebenswichtiger Ressourcen. Ihre Interventionen sollen das Auseinanderdriften der Gemeinwesen aufhalten, gar jene gesellschaftlich an den Rand gedrängten Bevölkerungsgruppen ermächtigen, ihre Stimme zu erheben.

Doch anstatt in einer Art „temporären Komplizenschaft“ Dissens zu provozieren, bauen sie vielerorts auf Konsens und vergeben die Chance, demokratische Prinzipien herauszufordern. Eine auf das Leben angewandte Kunst wird die Widersprüche und Probleme nicht lösen, allenfalls deren Komplexität zur Aufführung bringen – damit wäre schon viel erreicht. Und bisweilen gelingt es auch.

Hanne Seitz (Prof. Dr., Dipl. Päd.), promovierte Kunstpädagogin; Studium in Frankfurt/Main und Darmstadt, langjährige freiberufliche Tätigkeit im künstlerischen Bereich, Dozentin in der Aus- und Fortbildung, Mitarbeiterin am Institut für Kunstpädagogik der Universität Frankfurt a. M.; seit 1994 Professorin an der Fachhochschule Potsdam im Lehrgebiet Theorie und Praxis ästhetischer Bildung; Forschungsschwerpunkt: Site-specific Art and Performance, Künstlerische Interventionen, Social Impact of the Arts; zahlreiche Publikationen, zuletzt: Unerbetene Gaben. Die Kunst des Einmischens in öffentliche Angelegenheiten. In: Hentschel, Ingrid/Klaus Hoffmann/Una H. Moehrke (Hg.): Im Modus der Gabe. Theater, Kunst, Performance in der Gegenwart. Bielefeld 2011. S. 88-101

Birgit Katharine Seemann
DIE STADT ALS BÜHNE

Viele Städte in Europa driften auseinander. Fragmentierungen und Binnenspaltungen führen zum Verlust städtischer Integrationskraft. Damit einher geht die partielle Entfremdung der Bewohner und Bewohnerinnen von ihrer Stadt, ihrem urbanen Raum. Intervenierende Aktionen – Performances, Flashmobs, Videospaziergänge, Open-Air-Installationen – rücken die Beziehungen zwischen sozialen, physischen und künstlerisch-medialen Elementen ins Bewusstsein und werfen Fragen auf: Wie bewegen Menschen sich in der Stadt? Wie verhält sich der reale Raum zu virtuellen Räumen?
Interventionen können als Referenzpunkte und Katalysatoren fungieren, durch die Gefühle von Identität und Verbundenheit (zurück-)gegeben werden. Dabei geht es nicht vorrangig um Unterhaltung, sondern um eine Einmischung in städtische Strukturen, die durchaus Verwirrung und heftige Reaktionen hervorrufen darf. Die Reibung, die bei den Aktionen entsteht, ist gewollt und oftmals Teil der Projekte. Es werden bewusst „Fallstricke“ im öffentlichen Raum gelegt, die auf das jeweilige städtische Gefüge aufmerksam machen und die Wahrnehmung des Einzelnen für die städtische Wirklichkeit sensibilisieren sollen. Mit kritischen Denkansätzen und einem Instrumentarium verschiedenster künstlerischer Mittel verlassen Künstler den autonomen Raum der Kunst und fordern zum interdisziplinären Dialog auf. Im Rahmen des Vortrags werden beispielhaft künstlerische Interventionen in der Metropolregion Berlin-Brandenburg dargestellt und analysiert. Im Zentrum stehen dabei Fragen nach der gesellschaftlichen Relevanz von Kunst und nach dem Zukunftspotenzial subversiver Strategien und kreativer Vernetzung.

Birgit-K. Seemann ist promovierte Historikerin. Ihre Dissertation befasst sich mit kulturpolitischen Aspekten der Museumsentwicklung von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis 1933. Seit 2006 leitet sie den Fachbereich Kultur und Museum der brandenburgischen Landeshauptstadt Potsdam. Sie ist in dieser Funktion für die städtische Kulturförderung und Kulturfinanzierung, die Kultursteuerung der Stadt, das Kulturmarketing, die städtischen Museen und Sammlungen verantwortlich. Auch das Kultur- und Kreativquartier Schiffbauergasse gehört zu ihrem Bereich. Vor ihrem Amtsantritt in Potsdam war sie an Museen in Hamburg, Braunschweig und Hildesheim, an den Universitäten Hamburg, Hildesheim und an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg in wissenschaftlicher und administrativer Funktion tätig. Sie publizierte zu Themen aus den Bereichen Museumsentwicklung, Museumsmanagement und Elitenforschung. Ihre neueren Veröffentlichungen beschäftigen sich mit den Chancen kultureller Bildung und kulturpolitischen Themenstellungen, z.B. The Management of Culture as a municipal Strategy, in: Orzechowski, Emil et. al.(Hrsg.), Culture Management, Halbjahresschrift Jg. 3 / Heft 3, Krakau 2010 und Kulturelle Bildung in der Landeshauptstadt Potsdam, in: Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung (Hrsg.). Ihre Forschungsinteressen liegen in den Bereichen Kulturpolitik, Kulturmanagement und kulturelle Teilhabe.

Markus Kissling
FREIRÄUME ERMÖGLICHEN – GRENZOBJEKTE ENTWERFEN.

Der Vortrag basiert auf der Erfahrung mit Partizipationsprojekten im Rahmen von Stadt- und Stadtteilentwicklungsprozessen. Darin wird anschaulich, dass ein Teil dieser Erfahrung auf die virtuelle Welt übertragbar ist.Digitale Medien, Social Media und virtuelle Vernetzung könnten in ihrer Anlage wunderbare Mittel zur Partizipation auf lokaler Ebene sein. Im Moment sind sie es nicht.
Setzt man das Vorhandensein der notwendigen Hardware voraus, ist Beteiligung keine Frage der Technik oder der Kommunikationsmittel. Vielmehr wird sie zu einer Frage der Relevanz und der Attraktivität des Inhalts für den potenziellen User. Nur wenn es gelingt Lust und Begeisterung unterschiedlicher Akteure an einer gemeinsamen Sache zu wecken, erweitert sich die Beteiligung über den Kreis der „üblichen Verdächtigen“. So können auch Gruppen erreicht werden, die mit herkömmlichen Angeboten bislang nicht anzusprechen waren.
Die Methode, die SPACEWALK in der Stadtteilarbeit anwendet, besteht darin, zusammen mit den Beteiligten, ein gemeinsames Drittes – ein kulturelles Projekt – zu entwickeln. Dabei werden vorhandene Probleme nicht direkt angegangen. Vielmehr werden die Projekte zu einem „neutralen Trainingsraum“, in dem Methoden und Strukturen der Kommunikation und Interaktion eingeübt und dann auf das Gesamtverfahren übertragen werden.
Diese „Trainingsräume“ können auch als Grenzobjekte verstanden werden: boundary objects (nach der Soziologin Susan Leigh Star) sind symbolische Grenzobjekte materieller oder immaterieller Natur. Sie sind gemeinsame Bezugspunkte, die in unterschiedlicher Weise von verschiedene sozialen Welten interpretiert werden können. Gleichzeitig besitzen sie soviel unveränderlichen Inhalt, dass sie als eine Einheit wahrgenommen werden, die von allen geteilt wird. Sie sind ein Mittel zur Kommunikation und Koordination und stehen im Schnittpunkt von unterschiedlichen sozialen Welten. Ein typisches Beispiel für ein Grenzobjekt ist ein visueller Prototyp in der IT Entwicklung. Beispiele für attraktive Grenzobjekte, finden sich in online/offline Kampagnen von NGO`s.
Bei gesellschaftlichen Beteiligungsverfahren, gerade im Zusammenspiel von virtueller und physischer Welt, sind solche Grenzobjekte ein notwendiger Bezugspunkt. An dieser Stelle entsteht eine neue Aufgabe nicht zuletzt für Künstler/innen: Gemeinsam mit den Akteuren Themen zu definieren und Geschichten zu erzählen, die quer durch verschiedene Medien, online/offline Gültigkeit entwickeln und virtuelle Aktionen mit realen, physischen Ereignissen verbinden.


Markus Kissling studierte Schauspiel an der Hochschule der Künste in Bern. Er spielte an verschiedenen Theatern und in deutschen und internationalen Film- und Fernsehproduktionen. Er ist Gründer und Leiter von SPACEWALK, einem europaweit tätigen Netzwerk von über 30 Künstlern, Wissenschaftlern und Pädagogen aus 15 Nationen.
SPACEWALK nutzt Methoden vorwiegend aus der performativen und bildenden Kunst als Katalysatoren für gesellschaftliche Entwicklungen. Mit diesem Ansatz gelang es Veränderungsprozesse in unterschiedlichen Feldern zu initiieren: z.B. Integration von jungen Menschen mit Migrationshintergrund in den Arbeitsmarkt, Stadtentwicklung, Bürgerbeteiligung in Problemstadtteilen.
In den letzten Jahren bezieht Kissling zunehmend neue Medien und das Internet in seine Arbeit mit ein. Er berät Programmierer bei der Entwicklung von Community Anwendungen und Kommunen und NGOs im Einsatz von Social Media.