LUST UND FRUST VON VERANTWORTUNG UND KONTINUITÄT – ODER WIE MODERN IST DER MENSCH IN SELBST GEWÄHLTEN GEMEINSCHAFTEN?

In einer digital bestimmten Welt erwarten wir schnelle, jederzeit abrufbare Informationen, Verabredungsmöglichkeiten und ein hohes Maß an Flexibilität auch im Kontakt mit anderen Menschen. Wie ist das aber mit der „Schnelllebigkeit“, wenn Menschen zu versorgen sind, Verantwortung übernommen werden muss, Kontinuität gefragt ist? Kinder, kranke und ältere Menschen, einfach Personen, die mehr Fürsorge und Betreuung bedürfen, können oder sollten meist nicht unentwegt allein sein. Oft brauchen sie Hilfe in alltäglichen Dingen. Aber auch die Teilhabe an den Geschehnissen im Quartier, der Nachbarschaft und der Stadt, bedarf meistens der Präsenz von Menschen. Helfen uns da die digitalen Möglichkeiten, entheben sie uns des verlässlichen Präsentseins oder gerät die „Betreuungsaufgabe“ zu „Netzwerken des Wechsels, des immer Neuen“, weil immer andere Personen die Aufgaben erfüllen? Wie sehr sind wir bereit oder auch in der Lage unser schnelles Leben, unsere rasanten Wechsel und die vielen Möglichkeiten des Arbeitens und Erlebens hintenan zu stellen, wenn Kontinuität von Personen gefragt ist: Wer soll sie erbringen, wen wollen wir bezahlen, was wollen wir selbst leisten? Es geht nicht um endgültige Antworten, moralische Appelle, normative Setzungen für den Lebensraum Stadt, eher sind es Reflexionen über Lebensstile und Zeiten, die der langen Augenblicke, der Verlässlichkeit des Vertrauens und der Verantwortungsübernahme bedürfen.

 

Jutta M. Bott ist Professorin für Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit und ihrer Handlungskonzepte an der FH Potsdam, Fachbereich Sozialwesen seit September 2004. Dipl. Psychologin, Sozialpädagogin (grad.), Psychologische Psychotherapeutin (approb.), Supervisorin (DVT); langjährige Arbeit im psychiatrischen Bereich. Praxis- und Lehrbereiche: Psychiatrie, Arbeit mit älteren Menschen und verschiedenen Generationen, Arbeit im Gemeinwesen und Sozialraum. Mitglied des interdisziplinären Innovationskollegs der Fachhochschule Potsdam “Stadtklima Potsdam” seit April 2010. Mai 2009 – April 2012 Projektleitung des SILQUA Projektes des BMBF (Soziale Innovationen für Lebensqualität im Alter) “Gut leben im (HOHEN) Alter” – Konzepte sozialraumorientierter Unterstützung von Selbstsorge, Selbstorganisation und Vernetzung im demographischen Wandel.