RITUALE DER BETEILIGUNG – DIE LUST AM AUSBRUCH. KANN PARTIZIPATION SMART SEIN?

Die smarten Technologien verändern nicht nur die Infrastruktur der Städte, sondern auch die Lebensweisen. In der Moderne prägte die „autogerechte Stadt“ das Verhältnis von öffentlichen und privaten Räumen, die Verbindungen bzw. Trennungen von Funktionen, das  Tempo, die Stadtwahrnehmungen und Beteiligung am Stadtleben. Die digitale Stadt wird ähnlich tiefgreifend das Stadtleben verändern und neue Anforderung der Anpassung, Beteiligung und Gestaltung stellen. Die Partizipation der Bürger, ihre Akzeptanz und Mitwirkung ist für den Umbau der Städte notwendig. Smarte Städte brauchen auch smarte Bürger.

In dem Vortrag werden drei aktuelle Tendenzen der Bürgerbeteiligung untersucht und und Bezug gesetzt zu Konzepten einer smarten Stadt:

  • Die Beteiligung der Bürger an den kommunalen Entscheidungen wird immer mehr zu einem festen Bestandteil kommunaler Entscheidungsprozesse. Mit methodisch komplexen und zeitlich aufwendigen Beteiligungsverfahren wird versucht, emotional aufgeladene Konflikte zu versachlichen. Die Verantwortung für Entscheidungen wird von den gewählten Repräsentanten und der Verwaltung auf Partizipationsformate verlagert:  Bürgerforen, Werkstätten, Arbeitsgruppen mit professionellen und Laienexperten, Bürgerbefragungen. Bürger werden in komplexe Abwägungsprozesse integriert.

Die Beteiligung wird zu einem Instrument der Kommunalpolitik, dass systematisch und möglichst schon prophylaktisch eingesetzt wird, um die Chancen für Kompromisse zu verbessern.

  • Daneben gibt es die ungeplanten Bürgerproteste, die sich der Systematik und Rationalität von Planungsprozessen entziehen. Oft entsteht der Widerstand erst nach Abschluss von Entscheidungsverfahren, wenn die formell vorgesehene Bürgerbeteiligung bereits abgeschlossen ist. Die protestierenden, wütenden Bürger halten sich also nicht an die Rationalität von Beteiligungsverfahren. Die Ausbrüche sind unsystematisch und unberechenbar, in Bezug auf die Zeitpunkte, Themen, so wie die Anlässe. Proteste können sich an vermeintlich nichtigen Anlässen entzünden. Die Dynamik solcher Proteste ist schwer vorhersehbar. Es kann gelingen, sie nachträglich in formelle Beteiligungsverfahren einzubinden, bzw. an die Situation angepasste Verfahren zu „erfinden“. Zunächst begrenzte Belange von Bürgergruppen können sich aber auch zu grundsätzlichen Fragen unseres Zusammenlebens entwickeln, für die es keine naheliegenden Kompromisslinien gibt.

Die dritte Tendenz der Beteiligung sind Verantwortungsgemeinschaften. Sie verbinden den Wunsch der Veränderungen konkreter Lebensbedingungen, mit der Lust der Lebensgestaltung, über die bisherigen Routinen und Regeln hinaus. Es sind grundsätzliche Themen die sich gut lokal verorten und behandeln lassen. Ausgangspunkt sind lebensweltliche Defizite, die man mit Gleichgesinnten in konkreten Projekten angeht, um die eigenen Lebensbedingungen zu gestalten.Themen können z. B. Kinderbetreuung, gemeinsamem Gestaltung und Nutzung von öffentlichen Räumen, Tauschzirkel und gegenseitige Hilfen, Mobilitätsverhalten oder Gemeinschaftsgärten sein. Vielfach sind die lokalen Initiativen national und international gut vernetzt

HHermann Voesgenermann Voesgen (Jg. 1951) arbeitete nach dem Studium in Göttingen und Oldenburg, mit dem Abschluss als Dipl. Sozialwissenschaftler, in mehreren Forschungsprojekten an der Universität Oldenburg. 1986 promovierte er mit einer Arbeit über die Geschichte der Bedürfnistheorien. Zwischen 1989 und 1993 leitete er ein Modellprojekt zu neuen Wegen in der ländlichen Kulturarbeit in der Region Ostfriesland.Im Studiengang Kulturarbeit an der Fachhochschule Potsdam ist Herman Voesgen seit 1995 Professor für Theorie und Praxis der Projektarbeit, letztere in Kooperation mit renommierten nationalen und internationalen Kulturträgern. Von 2001 bis 2010 war er Leiter des Studiengangs Kulturarbeit und Prodekan des Fachbereichs Architektur und Städtebau. Von Juni 2005 bis Juni 2007 übernahm Hermann Voesgen die Präsidentschaft des European Network of Cultural Administration Training Centres (ENCATC). In diesem Zusammenhang organisierte er Diskurse zur Entwicklung internationaler Studiengänge im Rahmen des Bologna Prozesses. In der Forschung konzentriert sich Hermann Voesgen zurzeit auf die Konsequenzen des Klimawandels für die Kultur. Weitere Schwerpunkte sind Rollenkonzepte von Kulturmanagern und hybride Prozesse zwischen Kunst und Management. Dazu bereitet er mit dem Studiengang Kulturarbeit die Jahrestagung 2013 des Fachverbandes Kulturmanagement vor. Links www.fh-potsdam.de, www.kulturarbeit.org