Herr Prof. Dr. Voesgen, wie verändert sich das Verhältnis zwischen der gebauten Stadt und den Bewohnern,  also das Verhältnis von Körper und Stadt?

HV:    Unser Verhältnis zu der baulich-räumlichen Umwelt wird massiv durch neue Technologien verändert. Es begann mit dem Walkman und der Möglichkeit seinen eigenen persönlichen Hörraum zu entwickeln. Der Hörraum jedes Walkmanhörers ist anders. Die nächste Stufe ist heute, dass wir die visuelle Wahrnehmung von Stadt individualisieren, indem digitale Technologien  uns vom Raum, in dem sich unser Körper bewegen, emanzipieren. Wer sich in der Stadt orientieren will braucht dank GPS keine ortsbezogenen Orientierungshilfen. Die Logik räumlicher Zusammenhänge, sei es die auf ein historisches Zentrum hin organisierte Stadt, sei es eine Rasterstadt, verliert an Bedeutung. Alle Ziele lassen sich davon unabhängig ansteuern.

Die Landeshauptstadt Potsdam ist Kooperationspartner. Ist Potsdam eine digitale Stadt?

HV:     Die Potsdamer Stadtentwicklung setzt sehr stark auf die analoge Stadt. Die historische Innenstadt wird nach altem Vorbild neu gebaut. Die Potsdamer Stadtentwicklung bezieht sich auf die Gültigkeit einer Tradition. Danach sind der historische Grundriss, bestimmte Leitbauten und Sichtbeziehungen so wichtig, dass sie wieder erstehen müssen. Dahinter steht die Vorstellung von Stadt als einem analogen Raum notwendiger Zusammenhänge von Geschichte, Schönheit und Wahrnehmung. Wir werden also über die digitale Stadt auf der Baustelle eines analogen Gegenentwurfes diskutieren.

Verändern die digitalen Technologien unsere Vorstellung von Mobilität und Eigentum?

HV:    Die Form von privaten Eigentum ist die dominante Form unserer Alltagsorganisation. Man muss alles haben, man muss Eigentümer der Wohnung, des Autos und anderer Gegenstände sein. Aus Gründen des Ressourcenverbrauchs und aus lebenspraktischen Gründen ist diese Praxis auf Dauer nicht mehr funktional für die Lebensqualität. Der Besitz eines privaten Autos in der Großstadt ist nicht sinnvoll und auf der digitalen Ebene gibt es eine ganze Menge Alternativen. Carsharing-Angebote funktionieren optimal, wenn sie digital begleitet und gesteuert werden. Weil der Gegenstand ständig verfügbar ist und meine Zugriffsmöglichkeiten kaum noch eingeschränkt sind, nimmt die  Angewiesenheit auf privates Eigentum ab, das ist sehr smart. Digitale Technologien geben mir die Möglichkeit in einer Stadt Mobilität anders zu leben. Auf der analogen Seite brauche ich in einem Stadtteil auch Menschen, die für räumlich-soziale Zusammenhänge persönlich Verantwortung übernehmen, ansprechbar sind und die nicht nur anonym im Netz miteinander agieren. Diese beiden Dinge gehören zusammen.

Welche Funktionen hat die zeitgenössische Stadt?

HV:     In der digitalen Stadt wird das Verhältnis zwischen privaten und öffentlichen Bereichen aufgemischt und es erscheinen neue Möglichkeiten für das öffentliche Leben. Die digitale Steuerung von Dienstleistungen, Distribution von Waren, Arbeit und und Unterhaltung bewirkt eine funktionale Ausdünnung der sozial-räumlichen Bedingungen. Wir könnten das als Chance sehen, dass der Verwertungsdruck aus der Stadt genommen wird und wir mehr Spielräume gewinnen um zu entscheiden, was wir im städtischen Zusammenhang wollen, was uns da wichtig ist. Wenn man an solche Bewegungen denkt wie Urban Gardening, dann erweitert sich die Stadt um etwas, was eigentlich in der klassischen Stadt nur sehr begrenzt oder nur am Stadtrand möglich war. Die Fragen nach den  städtischen Funktionen ist wieder offen.