FREIRÄUME ERMÖGLICHEN – GRENZOBJEKTE ENTWERFEN.

Der Vortrag basiert auf der Erfahrung mit Partizipationsprojekten im Rahmen von Stadt- und Stadtteilentwicklungsprozessen. Darin wird anschaulich, dass ein Teil dieser Erfahrung auf die virtuelle Welt übertragbar ist.Digitale Medien, Social Media und virtuelle Vernetzung könnten in ihrer Anlage wunderbare Mittel zur Partizipation auf lokaler Ebene sein. Im Moment sind sie es nicht.
Setzt man das Vorhandensein der notwendigen Hardware voraus, ist Beteiligung keine Frage der Technik oder der Kommunikationsmittel. Vielmehr wird sie zu einer Frage der Relevanz und der Attraktivität des Inhalts für den potenziellen User. Nur wenn es gelingt Lust und Begeisterung unterschiedlicher Akteure an einer gemeinsamen Sache zu wecken, erweitert sich die Beteiligung über den Kreis der „üblichen Verdächtigen“. So können auch Gruppen erreicht werden, die mit herkömmlichen Angeboten bislang nicht anzusprechen waren.
Die Methode, die SPACEWALK in der Stadtteilarbeit anwendet, besteht darin, zusammen mit den Beteiligten, ein gemeinsames Drittes – ein kulturelles Projekt – zu entwickeln. Dabei werden vorhandene Probleme nicht direkt angegangen. Vielmehr werden die Projekte zu einem „neutralen Trainingsraum“, in dem Methoden und Strukturen der Kommunikation und Interaktion eingeübt und dann auf das Gesamtverfahren übertragen werden.
Diese „Trainingsräume“ können auch als Grenzobjekte verstanden werden: boundary objects (nach der Soziologin Susan Leigh Star) sind symbolische Grenzobjekte materieller oder immaterieller Natur. Sie sind gemeinsame Bezugspunkte, die in unterschiedlicher Weise von verschiedene sozialen Welten interpretiert werden können. Gleichzeitig besitzen sie soviel unveränderlichen Inhalt, dass sie als eine Einheit wahrgenommen werden, die von allen geteilt wird. Sie sind ein Mittel zur Kommunikation und Koordination und stehen im Schnittpunkt von unterschiedlichen sozialen Welten. Ein typisches Beispiel für ein Grenzobjekt ist ein visueller Prototyp in der IT Entwicklung. Beispiele für attraktive Grenzobjekte, finden sich in online/offline Kampagnen von NGO`s.
Bei gesellschaftlichen Beteiligungsverfahren, gerade im Zusammenspiel von virtueller und physischer Welt, sind solche Grenzobjekte ein notwendiger Bezugspunkt. An dieser Stelle entsteht eine neue Aufgabe nicht zuletzt für Künstler/innen: Gemeinsam mit den Akteuren Themen zu definieren und Geschichten zu erzählen, die quer durch verschiedene Medien, online/offline Gültigkeit entwickeln und virtuelle Aktionen mit realen, physischen Ereignissen verbinden.
 

Markus Kissling studierte Schauspiel an der Hochschule der Künste in Bern. Er spielte an verschiedenen Theatern und in deutschen und internationalen Film- und Fernsehproduktionen. Er ist Gründer und Leiter von SPACEWALK, einem europaweit tätigen Netzwerk von über 30 Künstlern, Wissenschaftlern und Pädagogen aus 15 Nationen.
SPACEWALK nutzt Methoden vorwiegend aus der performativen und bildenden Kunst als Katalysatoren für gesellschaftliche Entwicklungen. Mit diesem Ansatz gelang es Veränderungsprozesse in unterschiedlichen Feldern zu initiieren: z.B. Integration von jungen Menschen mit Migrationshintergrund in den Arbeitsmarkt, Stadtentwicklung, Bürgerbeteiligung in Problemstadtteilen.
In den letzten Jahren bezieht Kissling zunehmend neue Medien und das Internet in seine Arbeit mit ein. Er berät Programmierer bei der Entwicklung von Community Anwendungen und Kommunen und NGOs im Einsatz von Social Media.